Tom Kahn - Tibet Projekt - Interview

Interview mit Tom Kahn


"Die Tibeter sind die Guten. Die Chinesen sind die Bösen.
Das möchten viele Menschen glauben.
Aber was ist, wenn die Wirklichkeit nicht ganz so einfach ist? "

 

Sie widersprechen der allgemeingültigen Auffassung über den Dalai Lama?

Die öffentliche Meinung reagiert langsam auf neue Fakten, so wie ein Supertanker auf einen Ruderausschlag. Ich bin sicher, mit der Zeit wird man erkennen, dass der Dalai Lama nichts besonderes ist. Er ist ein Politiker wie alle anderen auch und hat die gleichen Probleme wie der Papst. Stück für Stück kommen Informationsbruchteile über den Gottkönig ja schon ans Licht der Medien. Irgendwann kennt jeder alle Fakten über ihn und sein Image wird ganz von alleine kippen.


Wie viel an dem Tibetprojekt ist wahr?

Der gesammte historische Hintergrund. Das Tibetprojekt basiert auf jahrelangen Recherchen. Auch der Verlag hat alles überprüft. Sämtliche Orte, Personen und Ereignisse sind Realität. Auch alle genannten Kunstwerke, Karten, Fotos und Dokumente existieren wirklich. Selbst der Tempel des Schreckens ist keine Erfindung. Viele Fakten kennt auch jeder, er hat sie nur bisher nie in diesem Zusammenhang gesehen. Es gibt natürlich eine Grenze zwischen Phantasie und Realität, aber die zu verraten, hieße, dem Buch seinen Reiz zu nehmen. Schließlich ist das Tibetprojekt ein Thriller und keine Dokumentation. Nur soviel: Die Grenze liegt nicht dort, wo man sie vermuten mag.

 

Woher kommen Ihre Informationen und sind sie geheim?

Ein paar meiner Quellen habe ich auf der Website veröffentlicht. Es sind in erster Linie Bücher von Zeitzeugen und Historikern. Manche davon sind nicht mehr erhältlich oder nur schwer zugänglich. Darunter sind auch ethnologische Werke oder Jahrbücher der Royal Asiatic Society aus dem 19. Jahrhundert. Darüber hinaus liefert das Internet viele Beiträge, die allerdings oft stark gefärbt sind. Im im Laufe der letzten Jahre gab es auch TV-Berichte zu einzelnen Abschnitten, die leicht auf den Websites der Medien und auf YouTube zu finden sind. Viele Informationen sind also jederzeit öffentlich zugänglich.

 

Haben Sie alle Informationen in ihrem Buch verabeitet?

Nein, es gibt noch sehr viel mehr, was man über den Dalai Lama sagen könnte, aber ich habe mich auf die Geschichte vor allem der Religion und auf nachprüfbare Fakten beschränkt. Interessant wäre aber sicher die Frage nach den Finanzen, über die der Hofstaat des Dalai Lamas keine Rechenschaft abgibt. Zu diesem Thema kursieren viele Gerüchte im Internet. Klar ist nur, er wurde persönlich zeitweise vom CIA finanziell unterstützt.

 

Woher hatten Sie die Idee zum Tibetprojekt?

Als Student hatte ich mich selbst für den Buddhismus interessiert und die Büchern des Dalai Lamas gelesen. Dann fiel mir auf, dass Ihre Heiligkeit zwei voneinander abweichende Autobiographien geschrieben hat und ich wurde misstrauisch. Als ich die historischen Angaben in seinen beiden Büchern überprüfte, kamen noch mehr Widersprüche zu Tage. Die Worte des Dalai Lamas stimmten einfach nicht mit der Realität überein. Die Lehre vom Mitgefühl klingt gut – aber sie wurde in Tibet nie umgesetzt. Zudem war ich überrascht, dass anscheinend kaum jemand im Westen den Gottkönig je kritisch hinterfragt hat. Die Täuschung und die Manipulation der öffentlichen Meinung war enorm. Das habe ich zum Anlass genommen, meine Diplomarbeit über die Politik des Dalai Lamas zu schreiben. Danach habe ich mich weiter in das Thema vertieft und wollte meine Doktorarbeit darüber schreiben. Sie war schon angenommen, aber sie wurde nie fertig. Die Recherche brachte so viel unglaubliches Material hervor, dass meine Phantasie mit mir durchging. Am Ende konnte ich der Versuchung nicht mehr widerstehen, mit den Fakten etwas zu jonglieren und ein paar Spekulationen und Gedankespiele hinzuzufügen.

 

In Rezensionen wurden Sie deswegen auch mit Dan Brown verglichen.

Ich finde Dan Brown faszinierend. Seine Bücher haben mich inspiriert. Die typische Verstrickung eines Mystery Thrillers von facts und fiction ist auch tatsächlich eine Parallele. Nur folge ich nicht dem Trend der Kirchenthriller, die er ausgelöst hat, sondern gehe in eine ganz andere Richtung.

 

Das Tibetprojekt und ihre TV Auftritte haben heftige Raktionen ausgelöst. Warum?

Die Meinungen polarisieren sich bei dem Thema Dalai Lama und China. Mein Buch räumt mit Vorurteilen auf. Das weckt immer Widerstand. Zudem gerät das Tibetprojekt mit religiösen Gefühlen und vielen - auch politischen - Interessenlagen in Konflikt. Inzwischen bin ich entweder in der Rolle des Ketzers oder der des chinesischen Agenten gelandet. Außerdem mußten einige Leute sich eingestehen, dass sie einfach vieles nicht gewußt haben oder dem Dalai Lama blind geglaubt haben. Das macht keiner gern. Aber andere sind auch dankbar, dass endlich einmal jemand den Geist der Aufklärung vertritt und hinter den Vorhang des tibetischen Gottkönigs geschaut hat.

 

Warum greifen die Medien das Thema nicht auf?

Sie tun es in Ausschnitten. Ich glaube, Sie trauen sich nur nicht an den ganzen Brocken aus Angst vor der Lawine, die sie auslösen würden. Vielleicht glauben sie auch alle irgendwie an den Dalai Lama. Oder sie wollen die Leser nicht verlieren, indem sie ihnen ihre Illusionen rauben. Es scheint jedenfalls, als wäre der Dalai Lama sakrosasankt oder eine umfassende Kritik an ihm politisch nicht korrekt. Es ist so, als hätte sich die Presse eine Selbstzensur auferlegt. Das ist bemerkenswert, wenn Sie es mit den Berichten über die Skandale der katholischen Kirche vergleichen, auf die sie sich bereitwillig stürzen.

Es ist auch beliebt, den Dalai Lama als Stachel gegen den chinesischen Drachen zu benutzen, vor dem sich alle fürchten sollen. Populismus hat Konjunktur. Andererseits haben Medien heute keine Zeit, eine intensive Recherche über Tibets Geschichte zu betreiben. Auch der in den Quellen erwähnte Stern Artikel vom Oktober 2009 oder die Panorama Beiträge zuletzt in 2012 kratzen immer nur am Lack oder werfen eine kleines Schlaglicht auf das Thema. Keiner im öffentlichen Medienbereich hat bisher das ganze Bild erfaßt und erkannt, was das bedeutet.

 

Welche Konsequenzen kann man denn aus ihrem Buch ziehen?

Das muß jeder für sich entscheiden. Sicher ist nur, der Dalai Lama und der tibetische Buddhismus sind fragwürdige Vorbilder und bringen keine friedlicheren oder besseren Menschen hervor. Der Dalai Lama hat weder religöse noch politische Erfolge vorzuweisen. Bleibt die Frage, warum er dennoch so hofiert wird.

 

Was würden Sie zu Anhänger des tibetischen Buddhismus sagen?

Die Wahrheit tut weh. Die reine Lehre des Buddhas ist eine Sache. Was in Tibet mit dem Lamaismus und als Staatsreligion daraus gemacht wurde, eine andere. Vielleicht kann man sich dem Buddhismus an sich auch an anderer Stelle nähern.

 

Was sagen Sie westlichen Politikern?

Überlegen, was sie da tun. Um die globalen Probleme der Menschheit zu lösen brauchen wir gute Beziehungen zu China – nicht zum Dalai Lama. Viele Reden und Entscheidungen westlicher Politiker basieren auf unvollständigen Informationen oder Eigeninteresse aller Beteiligten. Sie benutzen den Dalai Lama für sich oder lassen sich von ihm für seine Zwecke einspannen. Tatsachen und Ehrlichkeit spielen dabei keine Rolle. Ich kann die Chinesen durchaus verstehen, wenn sie darüber verstimmt sind.

 

Hat sich Ihr Bild von China durch die Arbeiten am Tibetprojekt verändert?

Durchaus. Die Menschen im Westen verurteilen China und himmeln Tibet an ohne die komplexe Realität zu kennen. Hier bricht das Buch mit zwei Tabus. Es stürzt den Dalai Lama vom Sockel und es bemüht sich um Verständnis für die chinesische Sicht der Dinge. Die Wirklichkeit ist historisch nüchtern betrachtet nicht schwarz–weiß, sondern graustufig. Ich würde mir wünschen, das man daran denkt, wenn Das Thema Tibet und China mal wieder in den Brennpunkt der öffentlichen Diskussion rücken. Der Dalai Lama ist nicht nur ein Opfer. Und die Chinesen haben auch durchaus mit manchem recht.

 

Waren Sie vor Ort, kennen Sie Tibet und China?

Ja, ich habe die Orte, an denen das Buch stattfindet bereist. Auch Lhasa. Und mein Eindruck ist, dass der Westen China in einseitig gefärbetem und bisweilen falschem Licht darstellt. Es gibt enorme positive Entwicklungen in Tibet, die Anerkennung verdienen. Ebenso trifft man dort Tibeter, die nicht gut auf den Dalai Lama zu sprechen sind. Fragen Sie doch mal einen von den Chinesen befreiten Sklaven, ob er will, dass der Dalai Lama mit seinen Leuten zurückkommt.

 

Haben Sie eine Absicht verfolgt, als Sie das Buch geschrieben haben?

Ich wollte die Fachbücher aus ihrem Schattendasein befreien. Mit einem Thriller erreicht man mehr Leser. Und ich wollte, dass die Welt die Wahrheit erfährt und jeder sich überlegt, was das für Konsequenzen nach sich zieht. Für ihn selber, wenn es um die Suche nach Werten im Leben geht und für die öffentliche Präsenz des Dalai Lamas. Das Tibetprojekt  bietet mit Blick auf den Tibetkonflikt ein Gegengewicht an in einer oft einseitig geführten Diskussion. Persönlich sehe mich eher als einen der Philosophen, die vom Berg aus das bunte Treiben der Welt mit Abstand betrachten und analysieren. Von dieser Warte aus sehe ich den Untgergang Tibets als eine Fallstudie an, die im Kontext größerer Zusammenhänge verstanden werden kann - als eine von vielen dramatischen Episoden der Menschheit. Ich wollte zeigen, was Schopenhauer einmal so formuliert hat: die Geschichte ist immer dasselbe - nur anders. In Tibet ist vieles genauso gelaufen wie anderswo auf der Welt.

Man kann sich dann fragen, ob es Muster in der Weltgeschichte gibt und versuchen, den Lauf der Dinge und den Wahnsinn dieser Welt zu verstehen. Ich bin bei diesem Versuch an den kulturtheoretischen Schriften von Freud hängen geblieben. Ich finde, sie werden unterschätzt obwohl sie eine enorme zeitlose Erklärungskraft haben. Insofern hat mich die Lust an der Erkenntnis getrieben und der Wunsch, auf unterhaltsame Weise eine andere Seite des Urvaters der Psychoanalyse zu zeigen.

Es macht auch Spaß, die "verstaubten" Denker wie Weber, Marx, Kant und andere auf ein zeitgenössisches und exotisches Phänomen anzuwenden und zu sehen, wie sich damit die Mechanik der Geschichte intellektuell durchdringen läßt. Es ist zwar ein Thriller, aber es stecken die Gedanken für eine Doktorarbeit darin. Ich hoffe, meine Leser teilen dieses Vergnügen mit mir.